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Leseprobe
Die Handlung spielt in Krakow am See und seiner Umgebung. Einige Örtlichkeiten hat die Autorin ergänzt oder angepasst, wenn es für die Geschichte notwendig war. Beispielsweise gibt es hier keine Tierschutzstation, und der Steingarten ist in Wirklichkeit kleiner und einfacher strukturiert. Den Kormoranen wird der Leser auf der Borgwall-Insel auch nicht begegnen, dafür aber sehr wohl verschiedenen Gespenstern.
So ein Gespensterleben ist nicht immer leicht. Eigentlich ist das auch kein Wunder. Wer seit 600 Jahren nicht mehr von seiner einsamen Insel herunterkommt, in einem verfallenen Schloss festsitzt oder gar in einem öden Großsteingrab hausen muss, der freut sich über jede Abwechslung. Die Krakower Gespenster sind deshalb heilfroh, dass sie sich im Abstand von einhundert Jahren einmal auf der Borgwall-Insel treffen dürfen.
Dort tauschen sie den neuesten Klatsch aus und schreiben mit dem goldenen Füller auf, wer ihr Anführer sein soll. Leider hat der jähzornige Fürst von Werle auf ihrem letzten Treffen das magische Schreibgerät zerstört. In der Gespensterwelt geht es seitdem drunter und drüber. Die Geschwister Matthias und Tina müssen sich bald nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre Ferien-Großeltern die größten Sorgen machen, denn es gibt in Krakow am See nicht nur nette Gespenster …
Ich tauchte so wie Tina in den Nebel ein, und zwar schneller, als mir lieb war. Denn inzwischen kroch er nicht nur vom Wiesenende, sondern auch von den Seiten herbei. Nass fühlte er sich an, und kalt. Er waberte flächendeckend und kniehoch über den Boden. Blöder Nebel! Die Sonne von vorhin wäre mir deutlich lieber gewesen, aber das konnte ich mir offensichtlich nicht aussuchen.
Und den Blödsinn, den meine Hobby-Geologin trieb, auch nicht. Sie hatte doch wahrhaftig angefangen, im Steinkreis die Spiralen abzulaufen. Entgegen der Uhrzeigerrichtung. Plötzlich wusste ich, dass das falsch war.
Auuuh! Wauuhuuau! Wieder glaubte ich, einen Hund zu hören, und zwar ganz in der Nähe. Oder war das nur der Wind, der um die Steine pfiff und dabei so klang, als würde er heulen wie ein Tier?
„Mich hat er auch erschreckt“, sagte Tina. „Aber nun nicht mehr. Komm doch auch in den Kreis, Matt.“
„Nein, Kleine. Komm da raus“, sagte ich, nachdem ich sie erreicht hatte. Ich zwang meine Stimme, ganz ruhig zu klingen. Aber meine clevere Schwester schaute trotzdem alarmiert zu mir. Sie spürt es genau, wenn etwas nicht stimmt, oder wenn ich etwas ganz anders meine, als ich es ihr sage.
„Wieso? Ist was, Matt?“
„Ja. Du sollst herkommen. Sofort.“
Zu spät! Tina bekam unangenehme Gesellschaft, und zwar genau an der Stelle des Steinkreises, wo sie stand. Mit einem kurzem Plopp fuhr eine große, steinerne Faust aus dem Boden. Schwarze Erde bröckelte von ihr ab, während sie sich manifestierte. Die Finger der unheimlichen Faust öffneten sich knirschend, einer nach dem anderen. Ihre Fingernägel waren lang, gekrümmt und spitz.
So etwas Krasses hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich war komplett sprachlos und so schockiert, dass ich wie festgeklebt an meinem Platz blieb. Tina erging es nicht anders. Dabei wäre Weglaufen eine super Idee gewesen …
Diese Monsterhand hatte zwar die Farbe von grauem Granit, aber wie ein normaler Stein verhielt sie sich ganz und gar nicht. Vielmehr schwankte sie wie ein Tentakel nach links und nach rechts, als ob sie etwas suchte.
Mich schauderte. Das war doch wirklich verrückt, oder etwa nicht?
Nein, nicht verrückt. Gruselig!
Watsch!
Die steingraue Monsterhand griff nach Tinas rechtem Bein.
„Hilfe, Matt!“
Meine Schwester kreischte entsetzt, streckte flehend beide Hände nach mir aus, und da sie erst im zweiten Ring stand, waren wir noch nicht weit voneinander entfernt. Ich wagte es nicht, den Steinkreis zu betreten, aber ich beugte mich zu Tina hinüber, soweit ich es vermochte.
„Hab dich!“, versicherte ich ihr.
Ganz fest schlossen sich meine Hände um ihre kleinen, zitternden Finger. Mit aller Kraft zog ich sie in meine Richtung. Die fiese Hand zerrte aber auch an meiner Schwester. Was für ein Albtraum! Tina stieß mit dem freien Bein wütend nach der Monsterhand, und wirklich, das Unglaubliche gelang. Die schreckliche Kidnapperin ließ den Knöchel ihrer Gefangenen plötzlich los.
„Jippieh!“ Tina sprang förmlich in meine Arme. Ich drückte sie fest an mich, küsste sie auf die Stirn und setzte sie dann aufatmend zu Boden.
„Wir hatten Glück“, sagte ich erleichtert. „Ach, Baby …“
Tina nickte gehorsam. Aber sie bückte sich und betastete die Haut unter ihrem rechten Knie. „Matti, was ist das?“, fragte sie mich kläglich. „Wo das Ding mich angefasst hat, da ist alles so fest. Wie aus Stein …“
Plopp! Plopp!
Wir zuckten erschrocken zusammen. Rings um uns zischte es. Die Erde bebte und brach auf, als ob Hunderte Maulwürfen am Werk wären. Weitere graue Hände schossen aus diesen Löchern heraus, tasteten gierig nach links und nach rechts und versuchten uns im Schutze des Nebels zu packen.
Plopp, plopp, plopp!
Huaahuwau!
Wurde der unsichtbare Hund etwa auch angegriffen? Er jaulte, kläffte und heulte so verzweifelt, als ob ihm jemand ans nackte Leben wollte.
Arghau! Wauuhuuau!
Verflucht! Wollte dieser Albtraum denn niemals enden?
„Lauf!“, schrie ich, aber diese Aufforderung brauchte Tina nicht mehr. Wir rannten beide auf das Ende der Wiese zu, wo wir noch Sonne sahen. In einem Zickzackkurs wichen wir den wild grabschenden Händen aus. Plopp! Plopp! Bald mussten wir auch vor dicken Steinen zur Seite springen, die ebenfalls aus der Erde krochen, sich uns in den Weg stellten und offenbar verhindern wollten, dass wir den Händen entkamen.
Tina fiel hinter mir zurück. Sie weinte bitterlich, und das zerschnitt mir das Herz. Ich hielt an und drehte mich zu ihr um.
„Was ist los, Krümel?“, schrie ich. „Bleib nicht stehen! Lauf weiter!“
Zuerst war mir nicht klar, wieso sie nicht schneller vorankam. Ich sah ihre Beine ja nicht mehr, weil der verdammte Nebel uns mittlerweile bis zu den Hüften einhüllte.
Aber sie hatte beim Laufen offensichtlich Schwierigkeiten. Sie humpelte gehorsam noch ein Stück voran, blieb erneut stehen und winkte mir kläglich zu. Das Abenteuer im Steinkreis hatte ihr wohl doch mehr zugesetzt, als ich es zuerst gedacht hatte.
„Ich kann nicht mehr“, flehte sie. „Matt, sieh doch. Hilf mir …“
„Bleib da, ich komme!“
Ich sah nur eine Möglichkeit, damit doch noch alles gut werden konnte. Ich wollte Tina hochheben und sie tragen, obwohl sie mit ihren neun Jahren nicht mehr besonders leicht war. Wir würden langsamer vorankommen, aber wenigstens gaben wir nicht auf.
Doch es kam anders.
Zwei von den furchtbaren Händen waren schneller als ich bei Tina. Sie erwischten ihr Opfer gleichzeitig und zwangen es zu Boden. An dieser Stelle, wo das Unglück schlussendlich mit aller Unbarmherzigkeit zuschlug, trieb der Wind den Nebel auseinander, so dass ich mir die Tragödie in allen Einzelheiten ansehen musste.
Nie werde ich den panischen Ausdruck in den Augen meiner unglücklichen Schwester vergessen, als sie mich um Hilfe anbettelte, während weitere Monsterhände links und rechts aus der Erde wuchsen, fest zupackten, Tinas Beine umklammerten, ihre Arme, ihren Oberkörper.
Und ihren Hals.
Helfen konnte ich ihr nicht mehr, weil ich inzwischen selber in der Klemme steckte. Entsetzt spürte ich, dass meine Füße und Beine genau an den Stellen steinhart wurden, an denen mich die grauenhaften Hände festhielten. Von dort aus kroch langsam, geradezu genüsslich, eine eisige Grabeskälte in jeden Winkel meines Körpers, die mich schnell lähmte. Mühsam bückte ich mich, um ein letztes Mal gegen die abscheulichen Granitpranken zu kämpfen. Vielleicht glückte ein letzter Versuch und ich konnte sie doch noch wegschubsen?
Vergeblich! Meine Kraft reichte nicht mehr aus.
Ich konnte mich auch nicht mehr wehren, als mich weitere Monsterhände angriffen. Verzweifelt musste ich zusehen, wie sie knirschend neben mir aus der Erde krochen und ihre hässlichen Finger mit den langen Krallen ausfuhren. Sie klammerten sich um meine Hüfte, um meine Brust und um meinen Hals.
Ich konnte noch eine kleine Weile schreien, genau wie meine Schwester. Aber zuletzt ließen wir das sein, denn es nützte uns nichts mehr. Die geschäftigen Hände vollendeten an uns ihr Werk, und nur der unbekannte Hund heulte irgendwo in der Nähe sein Klagelied über das Unrecht, was uns geschah.
Stumm sahen wir einander in unseren letzten Sekunden in die Augen, bis wir zu Steinen wurden – zwei neue Opfer, hinterlistig vom Steinkreis in die Falle gelockt.
Gefällt euch diese Leseprobe? Im Buch wird verraten, wie es weitergeht!
Viel Freude beim Lesen wünscht
Marianne Thiele
Last Updated (Saturday, 25 July 2026 14:34)
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